Friday, February 10. 2006
Du bist nicht mehr Deutschland
Hurra, es ist überstanden!
Die Kampagne "Du bist Deutschland" mit Plakat- und Fernsehwerbung von allen Seiten ist jetzt vorbei. Zumindest vorerst. Denn was sich die Initiatoren der Kampagne als nächstes ausdenken, um Deutschland bis aufs Blut zu motivieren, bleibt abzuwarten.
Aber zumindest in der Zwischenzeit freue ich mich einfach darüber, daß uns Sandra Maischberger nicht mehr erklärt, warum der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Taifun auslösen kann.
Das ist vielleicht nach den Prinzipien der Chaostheorie möglich, der Schmetterling hat das aber sicher nicht mit Absicht getan. Ist also planloser Aktionismus mit katastrophalen Folgen das heimliche Ziel der Kampagne? Vermutlich nicht, aber was das Ziel ist, das haben offensichtlich mehr Leute nicht verstanden.
Ich bin ein bißchen spät dran, mich jetzt noch darüber auszulassen, aber was soll's. Was ist nun so schlimm an der Aktion?
Zunächst mal ist es einfach dämlich, einem Heer leistungsbereiter Arbeitsloser, die einfach keine Arbeit mehr finden, zu erklären, wie wichtig sie sind und was sie erreichen können, wenn sie sich nur anstrengen (die Leistungsunwilligen dagegen interessiert das sowieso nicht). Es ist einfach Unsinn.
Schlimm wird es dadurch, daß "Du bist Deutschland" suggeriert, jeder wäre für sich ganz allein verantwortlich. "Du bist Deutschland, wir (der Staat) sind nicht zuständig für Dich."
Diese Kampagne läßt somit die Leute glauben, der, der es nicht geschafft hat, sei selber schuld. Das kann stimmen, aber oft stimmt es eben nicht.
Die ganze Aktion wäre vielleicht schon langsam in Vergessenheit geraten, hätte nicht Jean-Remy von Matt (von der Werbeagentur Jung von Matt) vor wenigen Wochen eine interne Mail zur Mitarbeitermotivation geschrieben, die an die Öffentlichkeit kam. Die Agentur war wesentlich an der "Du bist Deutschland"-Kampagne beteiligt, die von Presse, Bloggern und Kollegen aus der Werbebranche da schon heftig gescholten wurde.
Diese Mail wurde in unzähligen Weblogs bereits genüßlich auseinandergenommen, nachdem er die Blogs als "Klowände des Internets" bezeichnet hatte. Bislang zu wenig Beachtung fand nach meiner Meinung aber der Satz:
- 30 Promis der
ersten Liga haben Zeit und ihr Gesicht geschenkt.
Ebenfalls interessant:
- Auch nach dem 50. Mal gucken, bin ich
von dem TV-Spot immer noch berührt bis ergriffen - obwohl ich
nicht einmal Deutschland bin.
Kurze Zeit später ruderte der Werbeprofi dann natürlich zurück. In dieser zweiten Mail gibt es auch Beachtenswertes:
- Und eine Mail an meine Mitarbeiter
geschrieben, die durch die berechtigte oder unberechtigte Kritik an
einer Kampagne, an der sie monatelang hart gearbeitet haben,
verunsichert waren und Zuspruch verdient hatten
- Viele von Euch schreiben, ich hätte
mit meiner Mail ein Eigentor geschossen. Okay, eins vielleicht. Aber
wie viele Eigentore schießt ihr gerade, indem Ihr mein
Schlagwort „Klowände des Internets“ teils empört,
teils genüsslich aufgreift im Sinne eines Agenda Setting
verbreitet?
- Vergesst aber
nicht, dass auch die Kommentare den Content eines Weblogs bestimmen.
Und vor allem dort habe ich einiges gefunden, was meinem Vorurteil
neuen Schub gab: Leute, das war teilweise unterste Klowand!
Wichtiger als das, was in seinen halbherzigen Entschuldigung steht, sind jedoch Fragen, die in den Blogartikeln und deren Kommentaren aufkamen, und auf die er nicht eingeht:
- Was war der konkrete Auftrag der Kampagne, war das neoliberale Element "jeder ist für sich allein verantwortlich" Bestandteil oder ein Fehler bei der Ausführung?
- Was sagt er zu dem öfter in Kommentaren genannten Vorwurf, die Werbeagentur Jung von Matt beute Praktikanten aus?
- Wie vereinbart sich sein jetziges Engagement mit der "Geiz ist geil"-Kampagne, für die Jung von Matt ebenfalls verantwortlich ist?

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